Wir tanzten bei Suweida

Wir freuen uns sehr, mit euch sehr persönliche Erinnerungen an Tamer Alawam teilen zu dürfen. Markus Hirsch hat uns dankenswerterweise diesen Text geschickt. Viel Spaß beim Lesen!

Wir tanzten bei Suweida –

Erinnerungen an Tamer Alawam

Ich musste neulich beim Meditieren an Tamer denken. Ich erinnerte mich an Tamer, wie wir im Wohnzimmer seiner Eltern saßen und rauchten, wie er erzählte, dass er so wie heute zum ersten Mal in seinem Dorf getanzt habe. Ich erinnere mich, wie er uns so viel erzählt hat und denke mir nun, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, zu viel Persönliches von ihm preiszugeben und setze mich darüber hinweg. Und ich denke, wie mir die Videos von ihm helfen, mich an seine Stimme zu erinnern, auch wenn sie an die Wirklichkeit nicht herankommen.

Wir lernten Tamer zwischen den Jahren 2010/11 kennen, ich glaube, an Silvester war er schon dabei. Es könnte an einem späten Nachmittag jener Morgen gewesen sein, an denen wir volltrunken durch die vollverschleierte Schar der auf das Morgengebet wartenden schiitischen Pilgerinnen an der Saida Rouqai Moschee in Damaskus hindurch nach Hause wankten. Tamer saß nachmittags in seinem langen braunen Ledermantel mit unserem Vermieter Abid rauchend im Wohnzimmer, dem überdachten Innenhof unseres Hauses in Souq Sarroush, Damaskus. Tamer, Jahrgang 1978, 33 Jahre alt, deutlich dunkler als der Durchschnittssyrer, schlank, fast 1.90m groß, kurze schwarze Harre, Dreitagebart, um den Mund ein wenig länger, ein fast hageres Gesicht, Markenzeichen: langer Ledermantel.

Damaskus

Wir lebten in diesem Winter in Syrien das Leben, mit dem wir das bisher großartigste Semester unseres Studiums feierten, versunken in den Kosmos einer Welt, deren Absurditäten wir als gegeben hinnahmen. Tamer und Abid waren anscheinend Freunde, auch wenn sich mir die Möglichkeit dieser Freundschaft nie ganz erschloss, war Tamer doch dezidiert politisch und früher stark gegen das Regime aktiv, Abid jedoch im Zweifel unpolitisch und klar Pro Assad. Wie sich herausstellte war Tamer nur knapp zwei Wochen zu Besuch in Damaskus. Früher hatte er wie Abid Zimmer in der Altstadt an Touristen und Sprachstudenten vermietet und bei irgendwelchen Streitereien zwischen den Jungs aus der Altstadt und denen aus Souq Sarousha lernten die beiden sich dann kennen. Vor eineinhalb Jahren heiratete er dann eine Deutsche mit einem großen Fest in Damaskus und ging mit ihr nach Deutschland. So erzählte Tamer. Inzwischen sei er jedoch geschieden, die Mann-Frau Beziehung innerhalb der Ehe in Deutschland habe sich zu gründlich von seinen Ansprüchen und Erwartungen unterschieden, und jetzt versuche er in der Theater- und Filmszene Fuß zu fassen. Wir saßen da und er erzählte, wir verstanden uns gut und unterhielten uns miteinander und rauchten, in jenen Tagen zwischen den Jahren 2010/11, als wir uns Windmühlen zum Rauchen drehten. Später kamen noch zwei oder drei Freunde von Tamer, die bis zu seiner Abreise immer wieder kommen sollten, dann gingen sie alle aus.

Wir waren eine Clique junger Sprachstudenten Mitte zwanzig, dem besten Alter, das erste Mal länger in einem arabischen Land. Wir genossen den Frieden und die Fremdheit und pflegten Kontakt zu Kurden, halbseidenen Russen und jungen syrischen Künstlern, soffen uns durch Damaskus und fanden es nicht seltsam, dass drei Mal ein Geheimdienstoffizier mit der Waffe am Gürtel oder auf dem Tisch bei uns in der Küche saß; das sei normal sagte Abid, unser Vermieter, und wir dachten, dass das in Syrien eben so sei. Tamer bewohnte das große Zimmer ohne Fenster hinten rechts von dem Innenhof im ersten Stock des verschachtelten Hauses, in dem wir wohnten. Am zweiten Abend saßen wir bei ihm im Zimmer, tranken Schnaps, spielten Karten und sahen uns die Titel der unzähligen Filme an, die Tamer gekauft hatte. Die brauche er zum Einschlafen, meinte er, und dass später ein bezauberndes ukrainisches Mädchen vorbeikomme, in das er sich gestern im Cabaret verliebt habe. Er habe sich wirklich verliebt, kann das sein, nach einer Nacht, ob wir so etwas schon einmal erlebt hätten. Und er spricht mit großer Ernsthaftigkeit davon, wie er sie mit nach Deutschland nehmen könnte. Dann kam sie und Abid erzählte noch ein paar Witze bevor Tamer Christian stecken konnte, dass wir jetzt besser rausgehen sollten und dann gingen wir raus, tranken weiter und bauten Windmühlen, die sich in Luft auflösten und planten Silvester, oder war das schon vorbei? Wir lernten Tamer kennen und freundeten uns mit ihm an. Einmal fanden wir ihn morgens bei einem laufenden Film schlafend vor. Als er erwachte und wir Kaffee tranken, erzählte er uns, dass er seit seinem letzten Haftaufenthalt, als er 40 Tage im Gefängnis war und ehrlich gesagt nicht dachte, noch einmal rauszukommen, zum Einschlafen diese seichten Filme brauche. Und ich erinnere mich, dass ich dachte, wenn das stimmt, dann raucht er vielleicht auch deshalb so viel. Tamer konnte gut erzählen und er erzählte uns viel. Vieles von dem, was er uns erzählte, war wie so vieles von dem, was man in Syrien zu hören bekam der Art, dass man nicht genau wusste, ob man es glauben sollte oder nicht. Aber wir mochten uns und stritten uns auch, zum Beispiel über die Gründe der unterschiedlichen Entwicklung des Westens und des Orients in der selben Zeit. Nachdem Tamer zurück nach Deutschland geflogen war, fanden wir in seinem Zimmer sein Flugticket und suchten seinen Namen im Internet. Danach beschlossen wir das meiste zu glauben von dem, was er uns erzählt hatte.

Auch seine Freunde lernte ich kennen, die, die schon am ersten Abend da waren. Einer der beiden oder drei war ein Ex-Junkie, oder zwei von ihnen, und beide oder alle drei waren arbeitslos, nett und gutmütig. Wir unterhielten uns und rauchten und tranken Bier, wobei, ob Tamers Freunde auch Bier tranken, weiß ich gar nicht mehr. Und an einem dieser Abende brachten sie mir das Lied von dem Huhn bei, in dessen Arsch ein Ei stecken bleibt:

كن في جاجي بدها تبيض
والبيضة عصىت بطزا

Tamer begann uns schon in Damskus von seinen politischen und sonstigen Tätigkeiten zu erzählen, aber seine Lebensgeschichte erfuhren wir erst wirklich, als wir mit ihm zu einer Hochzeit in seinem Heimatdorf in der Nähe von Suweida fahren durften.

In Suweida

Am 7. Januar fuhren Christian, Carmen, ein italienisches Mädchen, das Tamer anscheinend schon länger kannte, und ich mit ihm im Bus nach Suweida und von dort weiter in sein Heimatdorf, mitten in das Stammland der Drusen. Dieser Religion gehörte auch Tamer formal an und seine Familie schien innerhalb der Religionsgemeinschaft eine irgendwie wichtige Rolle zu spielen. Wir fuhren also bei stürmischem und kaltem Wetter, bei immer wiederkehrenden Regenschauern, nach Suweida und weiter und saßen den ersten Abend bei Tamers Eltern im Wohnzimmer und tranken Tee und Bier, rauchten und seine Mutter kochte für uns. Als es dunkel wurde und wir Zigaretten kaufen gingen, hörte man entfernt Schüsse und Tamer sagte, sie kämen von dem nahen Truppenübungsplatz. Und manchmal höre man auch die Schreie der Rekruten, die mitunter im Winter nachts nackt in der Kälte ausharren und strammstehen müssten. Er wisse, wovon er rede, dank eines einflussreichen Onkels, seines Zeichens ein hoher Offizier bei dem syrischen Geheimdienst, konnte er seine Dienstzeit nicht nur verkürzen, sondern sie auch als Ausbilder ableisten. Deswegen wisse er auch, dass bis zu 8% Verlust an Rekruten während der Ausbildung für einen Ausbilder nach den Statuten der syrischen Armee ohne Folgen seien.
Wir kauften Zigaretten, gingen zurück in das Haus seiner Eltern und Tamer begann zu erzählen:
Nachdem er in dem Dorf geboren wurde, lebte seine Familie von seinem 2. bis zu seinem 13. Lebensjahr in Damaskus, bevor sie wieder aufs Land zogen. Die einzige Geschichte aus seiner Jugendzeit, an die ich mich erinnern kann, ist wie er eines Jahres nach dem Tag, an dem es die Zwischenzeugnisse gab, nach Hause kam und seine vierjährige Schwester ihm ganz stolz zeigte, wie sie das Bild von Assad, das vorne auf jedem Zeugnis zu sehen war, auf Tamers Zeugnis verziert hatte. Er sah das eigentlich ganz nett verschmierte Bild und konnte nur denken: „Oh fuck, wir können uns gleich alle ins Gefängnis einliefern lassen.“ Nach langem Familienrat, wie man nur irgendwie aus der Geschichte wieder rauskommen könnte, beschlossen sie die Flucht nach vorne und klebten fein säuberlich ein Farbfoto des Präsidenten auf das verunzierte Bild. Am nächsten Tag in der Schule wurde er, der überhaupt nicht wusste wie ihm geschah, dann ausgezeichnet und der ganzen Klasse wegen ihrer Präsidentenliebe als Vorbild empfohlen.

Opposition

Von 1996 bis 1998 leistete er seinen Militärdienst ab, dank seiner erwähnten guten Beziehungen als Ausbildungsoffizier; zeitgleich begann er ein Studium der arabischen Sprache und Literatur an der Universität Damaskus. In dieser Zeit begann sein politisches Engagement. Mit dem nahen Tod von Hafis Al-Assad vor Augen gründete er mit sechs oder sieben Mitstreitern einen Geheimbund, um zu planen, wie man nach dem zu erwartenden Tod des Diktators eventuell entstehende Freiräume nutzen könnte. Sie wollten sich für Freiheit und gegen Globalisierung engagieren, so sagte er uns knapp, ohne dabei nach politischer Herrschaft zu streben. Nach einem Jahr, der Geheimbund war auf rund 45 handverlesene Mitglieder angewachsen, wurde Tamer verhaftet und in Folterhaft genommen. Aber er sagte nur: „Ich weiß nichts!“ und seinen Namen. Ohne noch daran zu glauben, wurde er schließlich nach 21 Tagen entlassen und der Geheimbund blieb geheim, bis sie nach Hafis ́ Tod im Damaszener Frühling an die Öffentlichkeit gehen konnten und nun offiziell Oppositionsarbeit leisteten.
Die folgenden 5 1⁄2 Jahre, von denen Tamer insgesamt weitere 9 Monate in Haft verbrachte, waren von politischer Tätigkeit geprägt. Nun wurde nicht mehr so flächendeckend gefoltert wie unter Baschar Al-Assads Vater. Unter Baschar wurden vor allem noch die Kurden, die keine Fürsprecher und keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatte, und die Muslimbrüder, traditionell einer der Hauptfeinde des Regimes, weiterhin mit aller Härte massakriert. Jedoch war das Leben als Oppositioneller auch jetzt sehr schwer, man fand keine Arbeit, es gab einem einfach niemand einen Job, und wenn doch, dann gab es dafür meistens kein Geld. Zeitweise hatte er so wenig Geld, dass er sich nicht mal den Minibus zur Uni leisten konnte und wochenlang täglich 20 Kilometer hin- und zurückmarschierte.
Nach einer Demonstration mit mehr als 4000 Protestierenden, der größten, die bis dahin je in der Syrischen Arabische Republik stattgefunden hatte, war sein politisches Tätigkeit jedoch zu Ende, so erzählte uns Tamer. Sie hatten diese Kundgebung organisiert, um für die Freilassung von 10 inhaftierten syrischen Intellektuellen zu demonstrieren. Er habe Vorbehalte gehabt, aber seine Mitstreiter wollten nicht an die Macht der Geheimdienste glauben. Wenige Tage nach der Kundgebung bestellte ihn sein Onkel, der Offizier beim Geheimdienst, ein. Er machte ihm unmissverständlich klar, wenn er jetzt nicht aufhöre, sich politisch zu engagieren, sei er innerhalb von wenigen Wochen ein toter Mann. Aber Tamer wollte leben und zog sich zurück. Da er nicht mehr in der Opposition aktiver war, konnte er auch arbeiten, begann Filme zu drehen und in das Geschäft mit Touristen und Sprachschülern einzusteigen.

Die Dorfhochzeit

Am Mittag des Tages nach diesen Erzählungen begaben wir uns auf die Dorfhochzeit, die aufgrund des Alters des Paares eigentlich unmöglich war. Mit 35 Jahren war die Braut zwei Jahre älter als ihr Mann und damit beide viel zu alt für eine standesgemäße Hochzeit. Doch das ganze Dorf ließ sich davon nicht abhalten zu kommen und aus riesigen Schüsseln Reis und butterweiches Hammelfleisch zu essen. Sie erzählten uns, wenn man Hammel 24 Stunden kocht, dann wird es so weich und lachten, als wir ebenfalls versuchten, das Gericht mit Brot und Händen zu essen. Nach dem Essen drängten sich alle auf der Flucht vor dem wieder einsetzenden Regen unter das große löchrige Partyzelt und die einen guten Kopf als ihr Bräutigam größere Braut tanzte mit ihrem angetrauten Mann unter einem Regenschirm, der den durch das Zeltdach tropfenden Regen abhalten sollte, zu treibenden Bässen, eine traditionelle Hochzeit, zerrissen zwischen den Zeiten. Gegen Abend ging es in einen angrenzenden Raum, in dem das Brautpaar in der Mitte saß und die Gäste darum herumstanden oder tanzten. Es regnete noch immer und wir tranken auf der Veranda um die Ecke heimlich Whisky-Cola aus Coladosen und rauchten, um dann auch ausgelassen um das Hochzeitspaar zu tanzen. Gegen zehn Uhr gingen wir nach Hause und Tamer meinte, so haben ihn die Leute in seinem Heimatdorf noch nie tanzen sehen. Am nächsten Morgen ging es verkatert zurück nach Damaskus und am Tag darauf flog Tamer zurück nach Deutschland.

Tamer ging und wir studierten weiter Arabisch und verließen nach und nach die Stadt und das Land. In Ägypten und Tunesien ereigneten sich Revolutionen und die Machthaber stürzten, in Libyen brach ein Bürgerkrieg aus und ein Freund und ich wollten einen Aufsatz darüber schreiben, warum so etwas in Syrien sicher nicht passieren würde. In den Tagen um die ersten größeren Demonstrationen in Damaskus verließ auch ich Syrien. Zurück in Deutschland wollte ich Kontakt zu Tamer aufnehmen, aber wie es so oft ist, verschob ich es immer wieder auf später. Dann irgendwann im Sommer 2011 sah ich ihn das erste Mal in einer Reportage über Syrien in der ARD oder im ZDF. Dort konnte man ihn öfters sehen, ich war jedoch für längere Zeit in Ägypten und verschob die Kontaktaufnahme auf nach meine Rückkehr nach Deutschland. Im September 2012 schickte mir ein Freund, ich glaube es war Christian, eine E-Mail mit einem Link zu, der zu der Nachricht von Tamers Tod führte.

Der Bericht stützt sich ausschließlich auf die Erinnerung des Autors, für alle zeitlichen und Ortsangaben gibt es keine Gewähr. Um Kontakt zum Autor aufzunehmen kontaktiert uns einfach hier im Kommentar oder schreibt uns eine E-Mail an hallo(at)actionsyria.org!
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Veröffentlicht in Biografisches, biography, deutsch, english, TAMER ALAWAM (D)

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