Wie Unterdrückung in Syrien funktioniert

(english)

Als die Revolution im März 2011 begann, war das der Moment, in dem die syrische Bevölkerung beschloss, gegen das politische System aufzustehen, das die Mehrheit der Syrer unterdrückt. Was aber bedeutet es eigentlich, in einem repressiven, in einem unterdrückenden Staat zu leben? Hier ein paar Einblicke, in welchen Situationen man sich wiederfindet, wenn man Rede- und Meinungsfreiheit einfordert oder sich einfach nicht mit dem Establishment arrangieren will. Aus Sicherheitsgründen haben wir die Namen abgekürzt.

Daher I. ist in seinen 40ern, ein in Damaskus berühmter Schriftsteller, der Romane und Theaterstücke veröffentlichte. Daneben arbeitete er auch seit Jahren als Journalist sowie in der Theaterbibliothek in Damaskus. Seit seiner Kindheit körperlich behindert, meisterte er sein Leben mithilfe eines Rollstuhls. Als die Revolution begann, unterstützte er die Bewegung, indem er seine Gedanken zu Freiheit und Demokratie auf Facebook veröffentlichte. Nach kurzer Zeit schickte ihm der Geheimdienst unverhohlen eine SMS und drohte Daher, sollte er je wieder etwas zur Revolution veröffentlichen. Aber Daher ließ sich nicht einschüchtern. Er veröffentlichte die Nachricht selbst auf Facebook und stellte klar, dass er weder Angst habe, noch mit seiner politischen Arbeit aufhören werde. Kurz danach kam die Polizei und nahm ihn mit seinem Rollstuhl mit. Er wurde in das Gefängnis in Dumar, Damaskus gebracht. Seit damals hat man nie wieder etwas von ihm gehört.

Dahers Cousin M. N. A. war auch Schriftsteller. Er veröffentlichte mehrere Bücher über den Islam, das Christen- und Judentum. Er lebte ein bescheidenes Leben mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Als die Revolution begann hat auch er seine Meinung auf Facebook veröffentlicht. Es dauerte nicht lange, bis er dafür ins Gefängnis gebracht wurde. Andere Gefängnisinsassen bezeugten, dass er jeden Tag geschlagen wurde. Nach zwei Monaten war er tot. Als die Familie nach seinem Leichnam fragte, wurde sie einfach weggeschickt, keine Erklärung, nur Drohungen.

Sein Bruder O. arbeitet als Frisör. Als er mit seinem Sohn Zutaten fürs Abendessen einkaufen ging, wurden beide von Scharfschützen angeschossen. Glücklicherweise haben beide überlebt.

Sein Bruder S., in seinen 60ern, veröffentlichte ebenso seine Gedanken zu Freiheit auf Facebook. Nach einem Monat Folter im Gefängnis war er teilweise gelähmt. Auch einer seiner Söhne war vor etwas mehr als sechs Monaten im Gefängnis. Seit damals hat die Familie keine Informationen erhalten, wo ihr Sohn sein könnte und ob er noch am Leben ist.

Es kann jeden treffen

Aber es ist nicht nur die intellektuelle Elite, die unterdrückt wird und mundtot gemacht werden soll. Es kann jeden treffen: Familie A. lebt auch in Damaskus. D. A. ist seit acht Monaten aus einem einzigen Grund im Gefängnis: er war auf einer Demonstration. Die Familie hat seither keine Informationen bekommen. Manchmal bekommen sie Nachricht von ehemaligen Gefängnisinsassen, die zurückgekommen sind. Sie berichten, dass er sehr krank ist, dass er jeden Tag brutal geschlagen werde.

S. A. ist D.’s 17 Jahre alter Neffe. Er ist Epileptiker und wurde ebenso auf einer Demonstration festgenommen. Seit mehr als zwei Monaten ist er jetzt im Gefängnis. Als ihm sein Vater Tabletten für seine Krankheit ins Gefängnis bringen wollte, wurde er von den Offizieren dort bedroht. Nachdem er die Tabletten in den Müll geworfen hatte, erklärte der Offizier dem Vater, dass, käme er noch einmal wieder, er seinem Sohn im Gefängnis Gesellschaft leisten könne.

Es handelt sich um das Gefängnis 250 in Damaskus, ein Armeegefängnis, das dafür bekannt ist, dass es normalerweise niemand lebend verlässt. Zumindest nicht bis der Gefangene aussagt, ein Terrorist zu sein, der Bomben baute und benutzte und von ausländischen Mächten bezahlt werde. Dokumente wie diese Geständnisse werden der UN vorgelegt, von Assad dazu benutzt um darzulegen, dass er nur den internationalen Terrorismus bekämpfe, eine lächerliche Ausrede, die seit nunmehr zwei Jahren vom Regime vorgetragen wird.

Ein unterdrückendes Regime wie jenes Assads braucht Helfer

Drei Mitglieder ein und der selben Familie wurden inhaftiert, ohne jemals in irgendeiner Art und Weise in der Opposition aktiv gewesen zu sein, nicht mal als Sympathisant: H.K., sein 50 Jahre alter Sohn M.K. und sein Bruder S.K.

Sie haben nie an einer Demonstration teilgenommen, aber haben seit Jahren Probleme mit einer Nachbarsfamilie. Diese Familie nutzte die systematische Unterdrückung durch den Staat für ihre Rache: nachdem sie Familie K. bei der Polizei angeschwärzt hatte und behauptete, dass Familie K. mehrere Demonstrationen gegen das Regime organisiert habe, wurden die drei Familienmitglieder ohne weitere Nachforschungen von Seiten des Assad Regimes verhaftet. Das war vor zehn Monaten, seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Die denunzierende Familie lebt noch immer unbehelligt in der selben Straße.

Ein unterdrückendes Regime wie jenes Assads in Syrien braucht Helfer wie diese Familie, also Menschen, die nicht nur gerne in Kauf nehmen, andere Menschen zu verraten, sondern das auch zu ihrer Einkommensquelle machen. Die Geheimpolizei mit allen ihren verschiedenen Abteilungen und ihrem brutalen Ruf versetzt die Bürger Syriens in Angst und Schrecken. Aber schlussendlich braucht auch die Geheimpolizei ihre Informationen aus erster Hand von ebensolchen Spionen unter der Bevölkerung, um effizient arbeiten zu können. In jeder Straße leben zwei oder drei Personen, die diesen Job für das Regime erledigen. Täglich schreiben sie über Nachbarn, manchmal selbst über Familienangehörige, und verdienen damit etwa 1000 syrische Pfund für jeden gelieferten Report.

All diese Geschichten sind nur Beispiele. Tatsächlich kann jeder Syrer und jede Syrerin weitere erzählen, mit anderen Namen, aber dem selben Muster. Die syrische Revolution kämpft dafür, dieses System der Unterdrückung, der Willkür und der Ausbeutung zu beenden. Es ist sinnvoll über die Wege zu sprechen, aber das Ziel ist klar: Assad, raus aus Syrien!

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